Die einsame Masse

Vor einigen Tagen fiel mir ein Buch in die Hände: David Riesman „Die einsame Masse“. Es erschien 1950 in den USA und 1958 in Deutschland. Es ist eines der wenigen Bücher, die sich mit dem Begriff Masse auseinandersetzen. Zwei andere bekannte Bücher sind Jose Ortega y Gasset Der Aufstand der Massen und Elias Canetti Masse und Macht. Was mich an Riesman faszinierte, war seine Analyse der Menschentypen, die er mit den drei Bevökerungszuständen verband, die er wiederum drei Gesellschaftsformen zuordnet. Riesman geht hierbei von drei Zuständen aus:

  • hoher Bevölkerungsumsatz (vorindustrielle Gesellschaftsform)
  • Bevölkerungsvermehrung (Bevölkerungswelle) (beginnende industrielle Gesellschaftsform)
  • Bevölkerungsschrumpfung (industrielle Gesellschaftsform)

Analog ordnete er drei Typen von Charakteren den einzelnen Bevökerungszuständen zu:

  • traditions-geleitet = hoher Bevölkerungsumsatz
  • innen-geleitet = Bevölkerungswelle
  • außen-geleitet = Bevölkerungsschrumpfung

Ich habe hier seine Idealcharaktere beschrieben. Er selbst weist ständig darauf hin, dass es diese Idealcharaktere nicht gäbe, sondern dass jeder Mensch ein „Cocktail“ davon sei. So geht er davon aus, dass durchaus aus dem außen-geleiteten Menschen der autonome Mensch am Entstehen ist, dem es gelänge zu differenzieren:

Die Idee, daß die Menschen frei und gleich geschaffen sind, ist wahr und zugleich irreführend: die Menschen sind verschieden geschaffen und sie verlieren ihre soziale Freiheit und ihre individuelle Autonomie, wenn sie versuchen, einander gleich zu werden.
Quelle: David Riesman, Die einsame Masse, 1972, S.320

Kritisch rezipiert ist Riesmans Buch vor allem lesenswert, weil er schon Ende der Vierziger die Entwicklung in den Industriestaaten vorhersah und anmahnte, sich um diejenigen zu kümmern, ihnen Chancen zu bieten, die durch die fortschreitende Automatisierung ihre Arbeit verlören. Er warnte auch vor der eventuell eintretenden Situation, dass sich Entrüstete, so nennt er Moralisten, mit politisch Gleichgültigen verbänden.

Wenn es daher den Entrüsteten zu irgendeinem Zeitpunkt gelingen sollte, sich mit den Gleichgültigen zu verbinden, so kann das zu einem erheblichen Machtzuwachs der Entrüsteten führen. Im Innern kann die Entrüstung aus dem Reservoir an Nationalismus und Fremdenhaß der unteren Schichten schöpfen. In den äußeren Beziehungen kann die Empörung auf eine Gegenempörung stoßen, und die Übereinstimmung der Entrüsteten mit den zeitweilig aufgerüttelten Gleichgültigen könnte scheinbar vollendete Tatsachen für die Toleranten schaffen. Im Unterschied zu denen, die tolerant aus innen-geleiteten Grundsätzen sind, haben die toleranten Informationssammler aber gelernt, eine vollendete Tatsache als solche anzuerkennen und sich ihr nicht zu widersetzen.
Quelle: David Riesman, Die einsame Masse, 1972, S.217f.

Er warnt hier praktisch vor einem tolerierten bzw. zugelassenem Faschismus, der innerhalb der USA trotz Demokratie sich entwickeln könnte. Angesichts der derzeitigen weltpolitischen Situation kann seine damalige Analyse, die sich aus den Erfahrungen des II.Weltkrieges und des Nazionalsozialismus speiste, als geradezu hellsichtig für das beginnende 21.Jahrhundert gesehen werden. Als ob Geschichte den Zwang hätte sich zu wiederholen, wenn auch zunächst in einem anderen Land, wo man es zunächst nicht für möglich hielte.

Anmerkung: Informationssammler sind eine andere Bezeichnung Riesmans für außen-geleitete Menschen.

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