Barbara Ehrenreich: Arbeit poor & Qualifiziert und arbeitslos

Eine Rezension aus September 2001, die ich wegen Andrés Kommentar aus meinem Textarchiv gefischt habe. Ihr aktuelles Buch Qualifiziert und arbeitslos beschäftigt sich mit dem arbeitslosen Mittelstand.

Barbara Ehrenreich: Arbeit poor
Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel. Ein Spruch, den jeder kennt. Die Niedriglohnjobs in den USA und auch bei uns in Deutschland lassen sich aber treffend damit umschreiben. War es vor Jahrzehnten etwa noch in Deutschland möglich, dass ein Job der Familie einen ausreichenden Lebensstandard sichern konnte, geht das heute schon gar nicht. Das Minimum ist ein 630 Mark-Job oder eine Halbtagsstelle für den Partner. Die Kinder bleiben hier neben vielem anderem auf der Strecke, wenn sie nicht auch schon jobben, um im Konsumkarussell mitzufahren oder ihre ersten Schritte im weiten Feld der Kriminalität gehen – etwa als Schutzgelderpresser in der Schule.

USA als Trendsetter im Niedriglohnbereich weist uns den Weg. Ein Job allein genügt nicht, es müssen mehr sein, um über die Runden zu kommen. Gestrichene Sozialleistungen, gestiegene Mieten, längere und dadurch teure Anfahrtszeiten zur Arbeit, falls man sie noch so nennen kann, usw. führen immer mehr in eine Armutsspirale, die sozialen und gesellschaftlichen Zündstoff birgt. Schweigen wir auch nicht über die mangelnden Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für die Schichten, die eigentlich wie der Dritte Stand in der Französischen Revolution jetzt laut die Frage stellen sollten: Wer sind wir? Wir sind die, die die Gesellschaft am Leben erhalten. Gerade die am wenigsten verdienen, zahlen die meisten Steuern und haben die geringsten Möglichkeiten aus diesem Hamsterrad aus eigener Kraft zu entkommen. Die Mittelklasse etwa existiert kaum noch in den USA und auch hier in Deutschland werden wir sie in einigen Jahren nicht mehr haben, wenn weiterhin das Credo propagiert wird: Mehr Wachstum durch Arbeitsplatzabbau und Produktionsverlagerung ins Ausland.

Barbara Ehrenreich arbeitete monatelang als Niedriglohn-Jobberin im Dienstleistungssektor und beschreibt in Arbeit poor die Situation der Niedriglohn-JobberInnen, deren Arbeitsbedingungen und Lebenssituation in den USA. Sie stellt fest: Noch funktionieren die Methoden der Repression durch die öffentliche Meinung, dem Staat und den Arbeitgebern, aber ihr Fazit lässt die Frage offen: Wie lange noch?
Horst Afheldt zeigt im Nachwort: Die Erfahrungen und Erkenntnisse sind durchaus auf die BRD übertragbar. Anders formuliert: Je mehr Niedriglöhne von der Gesellschaft zugelassen werden, um so eher verlieren Staat und Gesellschaft ihren Einfluss auf die Entwicklung der Wirtschaft in den einzelnen Staaten und auch weltweit. Die negativen Folgen liegen auf der Hand: Rezession, soziale Unruhen und eine zerstörte Umwelt.

Buchtipps
Arbeit poor
Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft
Barbara Ehrenreich
gebunden – 280 S. – Antje Kunstmann Verlag
ISBN 3-88897-283-3 – antiquarisch

Qualifiziert und arbeitslos
Eine Irrfahrt durch die Bewerbungswüste
Barbara Ehrenreich
Gebundene Ausgabe – 253 Seiten – Kunstmann – 03/2006
ISBN: 3888974364 – 19,90 Euro

Rezensionen zu Qualifiziert und arbeitslos:
taz, 16,03.2006, Vom Millionär zum Tellerwäscher
Perlentaucher über Barbara Ehrenreich
Jungle World, 05.04.2006, Sei immer nett zum Gemüsehändler!

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