Schlagworte Kreativität

Date: 02. April 2008
Cate: Text
2 Meinungen

Variationen über die Weissagung der Cree oder Culture Jamming

Vermutlich fast jeder kennt die Weissagung der Cree.

Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.
Quelle: Wikipedia über Weissagung der Cree

Aber wie oft wurde diese schon variiert? Ich machte mich mal virtuell auf die Variationssocken ;)
Eine Variante davon habe ich bei Killerzins gefunden:

Erst wenn das letzte Land verscherbelt,
das letzte Krankenhaus privatisiert,
die letzte Fabrik verlagert,
der letzte Bäcker übernommen und
das letzte Auenland betoniert wurde
werdet ihr feststellen,
daß man Aktienkurse nicht essen kann.
Quelle: Killerzins, Plutokratie ist keine Lösung!

Eine weitere in Gedichtform entdeckte ich bei wer-weiss-was, die mit den Zeilen endet:

Spätestens, wenn das letzte Eigenheim zwangsversteigert,
der letzte Ehering versetzt ist,
werden wir erkennen,
dass das global vorherrschende Wirtschaftssystem wieder einmal vollständig zusammengebrochen ist.
Quelle: wer-weiss-was, Erst wenn…

… und im audacity-forum entdeckte ich folgende Signatur, die obige leicht abwandelt:

Erst wenn der letzte Programmierer eingesperrt und die letzte Idee patentiert ist, werdet ihr merken, dass Anwälte nicht programmieren können.
Erst wenn das letzte Auto stillgelegt und die letzte Tankstelle geschlossen ist, werdet ihr feststellen, dass Greenpeace nachts kein Bier verkauft.
Quelle: Audacity-Forum

Jörg Mellenkamp schrieb die Weissagung folgendermaßen um:

Erst wenn der letzte Kuenstler bei einem reinen Online-Label unterschrieben hat,
erst wenn die letzte CD das Presswerk verlassen hat,
erst wenn das letzte grosse Major-Label pleite gegangen ist,
erst dann werdet ihr merken, das man mit einem iPod morgens nicht die Windschutzschreibe freikratzen kann.
Quelle: Braindump Alte indianische Weisheit

Es gibt eine Variante für Microsoft …

Erst wenn der letzte Mac verschrottet,
der letzte Pinguin geschlachtet und die letzte Sonne gelöscht worden ist
werdet ihr merken, dass man Bill Gates nicht essen kann!
Quelle: Macguardians, Angriff der Dampfsoftware!

… und eine für Mac

Erst wenn der letzte Mac gegen eine Dose getauscht wurde,
die letzte Mac.com Adresse nicht mehr verfügbar ist,
der letzte I Pod bei Aldi neben den Putenschenkeln liegt,
die letzte Apple Aktie als Klopapierrolle endet und Steve Jobs bei MC Donalds jobbt,
wird Apple feststellen, dass man Geld nicht essen kann.
Quelle: bite im Macwelt-Forum

Das war die Ausbeute von 20 Minuten – bemerkenswert!
Im Übrigen ein Beweis der These, dass Menschen sich gerne inspirieren lassen und Culture Jamming einfach Spaß macht. :-)

Date: 10. März 2008
Cate: Design

Lewis Hyde :: Die Gabe – Wie Kreativität die Welt bereichert

Das hat ja mal lange gedauert, bis Lewis Hydes Buch Die Gabe ins Deutsche übersetzt wurde. Sein bereits 1983 erschienener Klassiker Die Gabe wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erscheint nun erstmals auf Deutsch.

Was unterscheidet Kunstwerke von Waren? Warum geht künstlerische Kreativität über Sachkompetenz hinaus? Inwiefern unterliegt das schöpferische Gewerbe anderen Gesetzen als der Markt? Das sind bekannte Fragestellungen – ungewöhnlich ist, wie der amerikanische Lyriker und Kulturkritiker Lewis Hyde mit ihnen umgeht. Er entwirft in “Die Gabe. Wie Kreativität die Welt bereichert” eine aus Anthropologie und Literatur abgeleitete “Theorie der Gabe”. Laut Hyde existieren Kunstwerke in “zwei Welten” – Marktwirtschaft und Gabenökonomie. In der Gabenökonomie sind Talent und Inspiration maßgeblich, Kunst zirkuliert als “Geschenk”. […]
Im Übrigen entdeckt Hyde Zusammenhänge zwischen der Ökonomie des Gabentauschs und dem Anarchismus. Er fasst die Gabe als anarchischen Besitz auf, “da sowohl der Anarchismus als auch der Gabentausch die Gemeinschaft nicht in Zwang und Unterdrückung wurzeln sehen, sondern in der Hingabe.”

Kunst im Hydeschen Verständnis nun ist eine Gabe, die der Künstler selbst in Form von Gnade/Inspiration empfängt und durch seine Werke freigiebig ans Publikum verschenkt.
Deutschlandradio Kultur, Kreative Kraft, 10.03.2008

Die Gabe
Wie Kreativität die Welt bereichert
Lewis Hyde
Gebundene Ausgabe – 416 Seiten – Fischer Verlag – 2/2008
ISBN-13: 978-3100318404 – 22,90 Euro

Bei der Gelegenheit weise ich auf Jean Starobinski Gute Gaben, schlimme Gaben hin, das 1994 ebenfalls im Fischer Verlag erschien und jetzt anscheinend nur noch antiquarisch zu bekommen ist:

Geben und empfangen – hinter dieser schlichten, geläufigen Formel für Zuwendung und Bedürftigkeit verbirgt sich ein mächtiges und vielfältig wirksames soziales, geistiges und ästhetisches Verhaltensmodell, das in sehr unterschiedlicher Weise sowohl den Alltag als auch die Kunsttätigkeit prägt. Jean Starobinski untersucht in seinem Buch die Geschichte dieses Austauschs an ausgewählten poetischen, bildnerischen, religiösen, philosophischen Zeugnissen: an Texten, Zeichnungen, Stichen, Gemälden, Photographien und Filmszenen. Starobinski zeigt, wie Schriftsteller und Künstler in Europa die Idee der Gabe gefaßt, gedeutet und dargestellt haben.
Aus dem Klappentext Gute Gaben, schlimme Gaben

Starobinski definiert Gabe mehr aus dem sozialen Geflecht heraus, während Hyde die europäische, doppeldeutige Definition eher hinterfragt.

Gute Gaben, schlimme Gaben
Jean Starobinski
Gebundene Ausgabe – 193 Seiten – Fischer Verlag – Frankfurt – 1994
ISBN-13: 978-3100751072

Der Vollständigkeit halber ein Linktipp:
Die Zeitschrift NZZ Folio hatte in ihrer Ausgabe 12/95 das Thema Die Gabe