Globalisierung als Amerikanisierung
Rüdiger Dahlke beschreibt in seinem Artikel Globalisierung als Amerikanisierung die Gefahr einer sich prostituierenden Demokratie. wobei ich der Meinung bin, eine wirkliche – im Sinne des Ideals – Demokratie kann sich nicht prostituieren, aber die Gefahr besteht für alle aktuell existierenden Regierungsformen massiv. Dahlke setzt auch den Amerikanismus mit dem Marktfundamentalismus gleich, dessen Mythen ich gestern beschrieben habe.
Charles Derber, der bekannte US-Ökonom und Autor des Buches „Corporation Nation“ geht davon aus, dass die US-Konzerne schon längst keine Privatorganisationen mehr sind, wie sie das Recht sieht, weil sie sich seit Jahrzehnten staatlich fördern lassen und sich am öffentlichen Eigentum bedienen. Er meint sogar, dass das US-Konzernsystem ohne die Verflechtung mit dem Staat zusammenbrechen müsste. In dem Verbund mit den Staatsorganen aber wird es seiner Meinung nach über die Bestimmung der Wirtschaftspolitik, die wiederum die Außenpolitik formt, über die Beeinflussung der öffentlichen Meinung mittels Medien und die Durchdringung des alltäglichen Lebens zur entscheidenden Gefahr für die Demokratie. Ralph Nader, Repräsentant der politisch völlig ohnmächtigen, weil vom Geldstrom der Konzerne abgeschnittenen grünen Kraft in den USA, geht davon aus, dass Konzerne deutlich mehr Regierungsunterstützung bekommen als all die Armen des Landes zusammen. (Ralph Nader in einem Interview im Internet, am 2.1.1996).
Bedenkt man all die Absicherungen bei Auslandsinvestitionen – etwa über Hermesbürgschaften und versteckte Subventionen –, so zeichnet sich auch in Deutschland ein ähnliches Bild ab. Investitutionen in den neuen Bundesländern wurden zum großen Teil mit vehementer Regierungsunterstützung gefördert. [...]
BMW bekommt nämlich seit einiger Zeit mehr Subventionen als an Steuern bezahlt wird. Bei Firmen dieser Größenordnung handelt es sich um staatstragende Konzerne, die solange es ihnen gut geht, ihre Aktionäre mit hohen Renditen verwöhnen, sobald es aber schwierig wird, sogleich nach dem Staat rufen und sich subventionieren lassen. [...]
Die USA haben nicht nur die am besten brummende Konzernwirtschaft, sie leisten sich – nach Charles Derber – auch eine viel größere Kluft zwischen Arm und Reich als etwa die Bundesrepublik Deutschland, eine unvergleichlich höhere Armuts- und Kriminalitätsrate, einen beeindruckenden und für eine reiche Nation einzigartigen Verfall der öffentlichen Schulen, einen unangefochtenen Spitzenplatz bei der Fehlernährung ihrer Bevölkerung und im Zerfall von Familien, eine riesige Zahl von Menschen ohne Zugang zu medizinischer Versorgung, einen verblüffenden Mangel an öffentlichen Transportsystemen, erschwinglichen Wohnungen und Sicherheit im Bereich kommunaler Unterstützung. [...]
Michail Gorbatschow hat einmal gefragt: „Sollten wir etwa alle nur Diener und Knechte der USA sein und ihnen dafür auch noch danken?” Diese Frage ist heute aktueller denn je. Deutlich hatte bereits Georges Clemenceau erkannt und gesagt: „Amerika? Das ist die Entwicklung von der Barberei zur Dekadenz ohne Umweg über die Kultur“. Die Zeit ist weiter gegangen und wir müssen uns allmählich fragen: „Sollen wir denn nun alle Kultur in unseren Lebenszusammenhängen abschaffen, nur weil die US-Amerikaner es zu keiner gebracht haben. Sie haben sich bisher auch kaum bemüht, vielleicht sollten wir ihnen diesbezüglichen helfen?“
Darf man so überhaupt noch fragen? Schließlich gilt ja jede Kritik an den USA seit dem 11. September als pietätlos. Ich glaube, wir müssen sogar so fragen, denn alles andere wird langsam aber sicher lebensgefährlich. Joachim Fernau stellt diesbezüglichen lapidar fest: „Gewinnt der Amerikanismus, so wird er die Menschheit zugrunde richten, und die Erde wird als ersterbender Mars im Weltall weiterkreisen.“
Quelle: Hinter den Schlagzeilen, Rüdiger Dahlke, Globalisierung als Amerikanisierung
Letztendlich sind Mythen zur wissenschaftlichen Wahrheit erhoben worden und schaden, wie Dahlke richtig feststellt, der Menschheit insgesamt. Glaube keiner, er käme da heil raus. Es wird Zeit festzustellen: Konzerne sind keine Bürger – ergo können sie keine Bürgerrechte in Anspruch nehmen. Konzerne sind keine Menschen, sondern ein Konstrukt, das eigentlich das Wirtschaften vereinfachen sollte, aber so stellt man heute immer öfters fest: Konzerne schaden den Menschen und der Umwelt. Sie sind eher als Psychopathen zu bezeichnen. Ein erster Schritt wäre, das Shareholder-Prinzip zu ächten und durch das Stakeholder-Prinzip zu ersetzen. Denn das Shareholder-Prinzip widerspricht einer zukunftsfähigen Welt. Die derzeit propagierte Abkehr vom Rentenumlageverfahren zur privaten Vorsorge durch Fonds fördert etwa indirekt eine menschenunwürdige Wirtschaft und Politik. Hier sind Menschen dann gleichzeitig Täter und Opfer. Wenn der Wert des einzelnen Menschen nur noch auf den ökonomischen Nutzen reduziert wird, dann bleibt der einzelne Mensch unter dem menschenmöglichen Potenzial. Die Amerikanisierung gefährdet die Demokratie – auch wenn sie der Welt das Gegenteil propagiert. Freiheit bringt sie übrigens auch nicht. Es sei denn, man definiert Freiheit als materielle Freiheit – ohne Rücksicht auf andere Menschen und Umwelt. Das allerdings bezeichne nicht nur ich als Egotismus. Zudem ist diese Definition von Freiheit die Pervertierung des Aufklärungsgedanken und steht dem Kantschen kategorischen Imperativ unversöhnlich gegenüber. Im Prinzip werden Freiheit und Demokratie gerade in übelster Weise von einigen Menschen missbraucht – ganz in Orwellscher Manier um ihre Machtpositionen zu erhalten und auszubauen. Das ist Machtmissbrauch im Sinne des Fullerschen Rankism und das Problem des beginnenden 21.Jahrhunderts, das dringend gelöst werden muss. Dieses Problem kann nicht mit den Methoden und Gedanken gelöst werden, die es hervorgerufen haben. Denn sie sind Teil des Problems.
Buchtipp:
Woran krankt die Welt?
Rüdiger Dahlke
Broschiert – Goldmann – 08/2003
ISBN: 3442152348 – 9,90 Euro
