Kultur umfasst alles
Der Schriftsteller Robert Menasse hielt am Montag (25.7.) im Museum der Moderne eine Art Gegenrede zu den Salzburger Festspielen. Sie ist mehr als lesenswert. Sie zeigt, wie Kultur auf dem Altar der Kulturen geopfert wird, wie der Nachkriegskonsens aufgekündigt wurde, was passiert, wenn die Wirtschaft der Politik die Regeln diktiert. Neben der Kultur bleibt dann eben auch die Demokratie und Freiheit auf der Strecke. Wobei es der Freiheit ebenso ergeht wie der Kultur. Denn auch sie wird ersetzt durch Freiheiten, die nichts wert sind:
Kultur umfasst alles. Auch Politik und Wirtschaft als deren Reflexion, und spiegelt sogar so abstrakt scheinende, schwer zu fassende Phänomene wie Sehnsucht, Glück, Sicherheit, Faszination vor dem Schönen, Schock vor der Wahrheit in ihrer jeweils zeitgenössischen Form. Kulturen aber, als Ornamente, als schöne Hinnahme dessen was ist, bedeutet nichts, es dockt nur überall an. Es tritt auf, je nach politischem Bedarf, wirtschaftlichem Interesse und demagogischer Befriedung, als Unterhaltungskultur, Ablenkungskultur, Freizeitkultur, Eventkultur und so weiter.
Mit Kultur verhält es sich – und hier muss ich wieder einen großen österreichischen Dichter paraphrasieren, nämlich Nestroy – sprachlich verräterisch wie mit der Freiheit: Tritt sie im Plural auf, erweist sich ihr objektives Defizit, der Mangel ihres singulären Sinns, ihrer Bedeutung im Ganzen. Viele Freiheiten zeigen, dass es der Freiheit grundsätzlich ermangelt. So versteckt sich hinter dem Potpourri der vielen kulturellen Höhepunkte der Mangel an Gewissheit, worin unsere Kultur eigentlich besteht, schon am Tag nach den Sonntagsreden, die uns aufforderten, unsere Freiheiten zu verteidigen und dabei uns – wirklich uns? – in lukrativen Spektakeln zu feiern. Viel Spaß!
Quelle: Standard.at, Kultur und Barbarei: “Gegeneröffnungsrede” von Menasse, Printausgabe, 26.07.2005
Menasse geht es in seiner Rede also nicht um eine Leitkultur, sondern um die demokratische Verbindung aller Partikularinteressen in einer Gesellschaft. Er warnt vor dem Einfluss wirtschaftlich machtvoller Interessengruppen, die blind für das Gewebe Kultur sind, das alles zusammenhält. Manesse stellt die objektiven Interessen über die Eigeninteressen, denen er Kurzsichtigkeit attestiert und sie als Gefahr für die Demokratie und für die sozialpolitischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte betrachtet. So stellt er bei der EU kritisch fest:
Es ist also kein Zufall, dass die EU heute bereits bei genauerer Betrachtung als Projekt erscheint, das vormals demokratische Staaten zum Zwecke der gemeinsamen Abschaffung der Demokratie gegründet haben. Und sehr bald wird es rückblickend von keinem Historiker mehr anders gesehen werden können – wenn wir uns auf den Universitäten noch Historiker leisten werden können.
[Hervorhebung von mir]
Wenn es an umfassenden kulturellen und politischen Verständnis mangelt, dann mangelt es erst recht an einem Demokratieverständnis, das die Mehrheiten repräsentiert und deren Interessen im rechten Verhältnis wahrnimmt. Insofern hat er Recht, wenn er annimmt, dass in Europa die Demokratie an kulturellem Boden verliert und die Menschen die Freiheit zur Demokratie. Das macht Angst. Denn auch das ist Terror.
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